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Die Abiturnote entscheidet in Deutschland, wer welches Fach studieren darf. Zumindest bis heute. Seit dem 19. Dezember 2017 gibt es jedoch ein neues Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Verfahren für bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge. Hintergrund dieser Ereignisse war das fragliche Zulassungsverfahren, vor allem für medizinische Studiengänge wie Humanmedizin oder Zahnmedizin. Für viele steht die stark auf die Abiturnote basierte Zulassungsbeschränkung nicht im Einklang mit dem Gleichheitsgrundsatz nach Grundgesetz Artikel 12:

Art. 12 GG “Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.”

Aus diesem Grund hatten zwei Kläger gegen das Zulassungsverfahren geklagt.

Wie läuft derzeit das Zulassungsverfahren für Medizinstudienplätze ab?

Über die Stiftung für Hochschulzulassung werden die Medizinstudienplätze zentral vergeben. Unter “Numerus Clausus” (lateinisch für “begrenzte Anzahl”) versteht man die Durchschnittsnote der allgemeinen Hochschulreife, die die Zulassung zur Universität reguliert in Deutschland.

Die Gesamtmenge der Studienplätze für Medizin wird in 3 Hauptquoten und mehreren Vorabquoten aufgeteilt. Die Vorabquoten sind jedoch je nach Bundesland unterschiedlich geregelt.

Hauptquote Medizin

Die Hauptquote wird von der Stiftung für Hochschulzulassung reguliert und ist wie folgt aufgebaut:

  • 20% der Studienplätze werden an die Abiturbesten vergeben.
  • Weitere 20% werden nach Wartezeit vergeben, die heutzutage bis zu 14-15 Semester betragen kann.
  • Die übrigen 60% der Studienplätze können von den Hochschulen selbst vergeben werden. Viele Universitäten haben Aufnahmetests wie den TMS oder HamNAT entworfen. Zusätzlich zu den Tests sind auch persönliche Auswahlgespräche gängig. Bewerber haben die Möglichkeit Ihre Chancen durch zusätzliche Qualifikationen wie z.B. einer Rettungssanitäter-Ausbildung oder Pflege-Ausbildung zu verbessern.

Vorabquote Medizin

Die Vorabquoten sind für folgende Bewerbergruppen geeignet:

  • In Berlin werden 8% der Plätze an Nicht-EU-Bürger und staatenlose Bewerber vergeben. Diese Quote kann in anderen Ländern etwas variieren.
  • 8% der Studienplätze werden an beruflich Qualifizierte ohne Abitur vergeben. In diesen Fällen wird die Durchschnittsnote der Aufstiegsfortbildung/Fachschul- oder Berufsausbildung gewertet.
  • 3% bekommen den Studienplatz durch die Härtefallquote. In der Härtefallquote wird sehr individuell entschieden.
  • Weitere 3% gelten Zweitstudienbewerbern, die bereits ein Hochschulstudium abgeschlossen haben und nun ihr Wissen vertiefen möchten. Das können z.B. Studierende mit einem physikalischem Hintergrund sein, die mit einem Medizinstudium gerne in die Medizintechnik oder Forschung einsteigen möchten.
  • Zudem gibt es noch eine kleine Quote für Bewerber, die über die Bundeswehr studieren.

Nachrückverfahren / Losverfahren Medizin

Bewerber, die den gewünschten Studienplatz nicht ergattern, können durch das sogenannte Nachrückverfahren noch im späteren Verlauf des Hochschulverfahrens einen Platz bekommen. Es wird immer automatisch nachgerückt, wenn der zugelassene Bewerber den Studienplatz nicht annimmt. Wenn auch der nachgerückte Bewerber den Studienplatz nicht annehmen möchte, wird der Studienplatz per Losverfahren vergeben. Dazu muss man rechtzeitig, also vor Semesterbeginn, einen Losantrag bei der gewünschten Universität gestellt haben. Dieser Fall kommt allerdings unglaublich selten vor, vor allem in so beliebten Fächern wie der Humanmedizin.

Irrtümer bezüglich des NCs und der Zulassungschance

Der Numerus Clausus für zulassungsbeschränkte Fächer wird nicht im Vorfeld festgelegt, nur die Zahl der Studienplätze ist begrenzt. Somit entscheidet jedes Jahr die Menge und Leistung der Bewerber, wie hoch der NC gesetzt wird. Je mehr und leistungsfähiger die Konkurrenz, desto schwerer und höher liegt der NC. Es ist sinnvoll, sich die Notengrenzwerte der letzten Jahr anzuschauen, dies verspricht aber keinen Schluss auf die zukünftigen Notengrenzen.

Zudem wird häufig irrtümlicherweise gedacht, dass sich durch Wartezeit der Abiturdurchschnitt verbessert. Dies ist jedoch nicht der Fall. Auch die Wartezeit wird vorher nicht festgelegt, sondern ergibt sich aus dem Zulassungsverfahren des jeweiligen Jahres und liegt aktuell bei 7 Jahren.

Warum gibt es überhaupt eine Zulassungsgrenze?

Der große Andrang auf das Medizinstudium zwingt die Universitäten, ihre Leistungsgrenze zur Zulassung sehr hochzusetzen. Momentan bewerben sich insgesamt ca. 71.500 Bewerber auf ca. 13.000 Medizin- und Zahnmedizin-Studienplätze pro Jahr, d.h. nur jeder 5. bis 6. kriegt seinen gewünschten Medizinstudienplatz.

Studienplätze Medizin SoSe 2017

StudiengangStudienplätzeBewerberBewerber je Studienplatz
Medizin1.62718.79912
Zahnmedizin6073.4336

Studienpläze Medizin WiSe 2017/18

StudiengangStudienplätzeBewerberBewerber je Studienplatz
Medizin9.17643.1845
Zahnmedizin1.5166.0434

Quelle: Hochschulstart.de

Nur mit einem Abiturdurchschnitt von 1,0 bis 1,1 hat man als Abiturient die Chance, direkt ins Medizinstudium zugelassen zu werden. Durch das Hochschulverfahren bekommen weitere Bewerber bis einer Abiturnote von ca. 1,4 bis 1,5 die Chance, sich in diversen Tests und Auswahlgesprächen zu beweisen. Die Konkurrenz ist also hart.

Was ist das Argument der Kläger?

Die Kläger berufen sich auf Artikel 12 des Grundgesetzes, welches jedem Bürger das Recht zuspricht, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei auszuwählen. Weil das Medizinstudium sehr überlaufen ist und die Universitäten aus Kapazitätsgründen nur Teile der Bewerber annehmen können, gibt es die sogenannte Wartezeitregelung. Dadurch wird gewährleistet, dass alle Bewerber mit allgemeiner Hochschulreife  theoretisch Medizin studieren können, unabhängig von der Abiturnote.

1977 wurde festgelegt, dass die Wartezeit die Dauer des Studiums nicht überschreiten darf, dies ist heutzutage jedoch der Fall ist: Momentan beträgt die Wartezeit ca. 14 Semester (7 Jahre), das Medizinstudium an sich hat jedoch nur 12 Semester (6 Jahre). Dies sei nach Meinung der Kläger unzulässig.

Was hat sich durch das Gerichtsurteil geändert?

  • Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die langen Wartezeiten nun zukünftig eine Obergrenze haben müssen.
  • Zudem wurden die bisher üblichen Ortspräferenzen bei dem Vergabeverfahren der Stiftung für Hochschulzulassung als verfassungswidrig erklärt. Bisher durften Bewerber maximal 6 Hochschulorte angeben. Einige Universitäten sortierten als Vorkriterium schon alle aus, die ihre Hochschule nicht als 1. Ortpräferenz nannten. Diese Ortswahl darf nun künftig nur noch ein Kriterium sein, wenn es an der Universität ein eigenes Auswahlgespräch gibt.
  • Die Universitäten sind zudem dazu aufgefordert, bei der Auswahl nach einem standardisierten und transparenten System vorzugehen. Dabei darf die Abiturnote nicht ausschließlich ausschlaggebend sein. Allerdings wird die Abiturnote bis heute als zuverlässiger Indikator dafür gesehen, wie erfolgreich jemand das Medizinstudium abschließt.
  • Kriterien, die die Eignung zum Arzt berücksichtigen, müssen in das Hochschulverfahren mit aufgenommen werden. Dazu gehören soziale und kommunikative Fertigkeiten, schnelle Auffassungsgabe und emphatische Kompetenzen.
  • Außerdem soll die Vergleichbarkeit der Abiturnoten aus verschiedenen Bundesländern erreicht werden.
  • Ab 2020 soll eine Quote entstehen, für Abiturienten die sich verpflichten später auf dem Land zu arbeiten, da momentan eine Unterversorgung der ländlichen Regionen herrscht.

Die neuen Änderungen werden aber noch einige Zeit brauchen, um in Kraft zu treten. Es müssen nun 14 Landesgesetze, 1 Bundesgesetz und 1 Länder-Staatsvertrag geändert werden. Also zunächst einmal sehr viel Bürokratie. Die offizielle Internetseite der Stiftung für Hochschulzulassung hat schon auf die neuen Gerichtsurteile reagiert. In einem Statement erklärt die Stiftung, dass die Neuregelungen bis zum 31. Dezember 2019 getroffen werden sollen.

Was ist der “Masterplan Medizinstudium 2020”?

Seit längerem wird gefürchtet, dass die Ärztedichte auf dem Land abnimmt. Bei zunehmender Alterung der Gesamtbevölkerung stellt das ein großes Problem für das ländliche Gesundheitssystem dar. Mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 möchten nun Bund und Länder dagegen vorgehen:

Länder sollen ab 2020 eine 10% Landarztquote bei der Zulassung zum Medizinstudium vorsehen. Das bedeutet, wer sich verpflichtet für mindestens 10 Jahre auf dem Land zu leben und dort in einer Landarztpraxis zu praktizieren, kann durch diese Quote in das Medizinstudium aufgenommen werden. Diese Quote soll in Bayern, Niedersachen und Nordrhein-Westfalen eingeführt werden.

Zudem soll das Medizinstudium noch praxisnäher gestaltet werden. Das bedeutet konkret, dass Studierende während des letzen Studienjahrs, welches üblicherweise als praktisches Jahr bezeichnet wird, ein Tertial in der ambulanten Versorgung verbringen müssen, um Einblicke in die Allgemeinmedizin zu erhalten. Momentan werden die Tertiale in drei Fächern absolviert: Chirurgie, Innere Medizin und ein Wahlfach. Meist findet das praktische Jahr heutzutage in größeren Lehrkrankenhäusern und Unikliniken statt.

Die Zahl der Medizinstudienplätze kann auch mit dem “Masterplan 2020” trotz Ärztemangel nicht gesteigert werden können. Der Hauptgrund dafür sind wahrscheinlich die sehr hohen Kosten: Ein Studienplatz für Human- oder Zahnmedizin kostet im Durchschnitt über 36.000 Euro im Jahr, also über 200.000 Euro für das gesamte Studium.

Meine persönliche Sicht der Dinge

Vielen Abiturienten schauert es bei dem Gedanken an den Numerus Clausus und den hohen Zulassungsbedingungen für medizinische Studiengänge. Ich selbst erinnere mich an den hohen Druck, dem ich in der Oberstufe ausgesetzt war, um mir den Traum vom Medizinstudium verwirklichen können.

Ich halte es für sehr sinnvoll, ein Zulassungsverfahren zu konstruieren, welches nicht nur auf die Abiturnote zielt, sondern auch persönliche Fertigkeiten und Zusatzqualifikationen in Betracht zieht. Dabei finde ich allerdings, dass spezifische Eignungstests das Abitur nicht abwerten sollten. Für mich bringt die Abiturnote den Vorteil mit sich, dass sie keine Momentaufnahme von einem bestimmten Testtag ist, sondern sich über einen Zeitraum von 2-3 Jahren bildet. Eines der wichtigsten Fertigkeiten des Arztberufs ist sicherlich die Kommunikation mit dem Patienten, diese kommunikativen und sozialen Fertigkeiten sollten auch meiner Meinung einen größeren Stellenwert in der Bewerbung haben.

Das neue Gerichtsurteil fordert ein transparentes, faires Zulassungssystem für das Medizinstudium, allerdings wurde noch nicht genau festgelegt, wie diese Forderungen umzusetzen sind. Dabei haben die einzelnen Länder und Universitäten noch einiges an Spielraum. Es wird sich im Laufe des Jahres zeigen, wie auf das neue Gerichtsurteil reagiert wird. Zunächst einmal bedeutet die neue Umstellung viel Arbeit für die Universitäten. Bis zum Dezember 2019 soll allerdings feststehen, wie die neue Zulassung nun geregelt ist. Ich denke, dass es sicherlich weiter von großem Vorteil sein wird, eine gute Abiturnote vorzuweisen.

Ich schaue gespannt in die Zukunft und die Änderungen, die das neue Gerichtsurteil mit sich bringt. Ich hoffe, dass dadurch die Qualität der Bewerber und damit auch der Ärzte steigt.