Wer in Deutschland das Fach der Humanmedizin studieren möchte, steht häufig vor einer schweren Entscheidung:

“Soll ich an eine Universität mit Modell- oder Regelstudiengang studieren?”

Das Medizinstudium hat eine Regelstudienzeit von etwas mehr als 6 Jahren, daher sollte man seine Entscheidung bedacht treffen. Dennoch sind vielen Bewerbern die Unterschiede zwischen den beiden Studienformen nicht ganz klar. Hinzu kommt noch, dass die verschiedenen Universitäten den Modellstudiengang unterschiedlich auslegen. Da kann es ganz schön verwirrend werden.

Ganz grundsätzlich wirbt der Modellstudiengang mit einer praxisorientierteren Lehre. Damit wurde versucht der Kritik, das Medizinstudium wäre zu trocken und praxisfern, Gehör zu bieten. Im Regelstudiengang wird noch nach einer klassischen Trennung zwischen Vorklinik und Klinik gelehrt.

Im folgenden Blogartikel möchte ich Dir die wichtigsten Informationen über die beiden Studienformen geben und von meinen eigenen Erfahrungen aus dem Modellstudiengang in Berlin berichten.

Zulassungsverfahren

Das Zulassungsverfahren von Modellstudiengang zu Regelstudiengang unterscheidet sich nicht. Alle Bewerbungen für die Humanmedizin laufen online über Hochschulstart.de. Wenn man sich bewirbt, sollte man sich vorher darüber informiert haben welche Studienform die Universität der Wahl anbietet. Universitäten bieten häufig nur entweder den Modellstudiengang oder Regelstudiengang an. Zu beachten ist, dass ein Studienortswechsel sich schwierig gestalten kann, wenn man in einem Modellstudiengang studiert. Die unterschiedliche Auslegung des Modellstudiengangs erschweren die Möglichkeit direkt in ein bestimmtes Semester an einer anderen Universität einzusteigen. Auch der Wechsel zwischen Regel und Modellstudiengang ist sehr schwer und üblicherweise verliert man einige Semester.

Der klassische Regelstudiengang

Studienorte Regelstudiengang

In folgenden Städten kannst Du momentan im Regelstudiengang studieren:

  • Universität Bonn
  • Universität Duisburg-Essen
  • Universität Düsseldorf
  • Universität Erlangen-Nürnberg
  • Universität Frankfurt
  • Universität Freiburg
  • Universität Gießen
  • Universität Göttingen
  • Universität Greifswald
  • Universität Halle-Wittenberg
  • Universität Jena
  • Universität Kiel
  • Universität Leipzig
  • Universität Lübeck
  • Universität Magdeburg
  • Universität Mainz
  • Universität Marburg
  • Universität München
  • Universität Münster
  • Universität Regensburg
  • Universität Rostock
  • Universität des Saarlandes
  • Universität Tübingen
  • Universität Ulm
  • Universität Würzburg

Studieren im Regelstudiengang

Der klassische Aufbau entsprechend des Regelstudiengangs wird eingeteilt in die Vorklinik
(1. – 4. Semester) und Klinik (5. – 12. Semester).

Zur Vorklinik gehören folgende Fächer, die zum ersten Abschnitt der ärztlichen Ausbildung gehören:

  • Histologie
  • Biochemie
  • Physiologie
  • Anatomie
  • Physik
  • Biologie
  • Chemie
  • Psychologie/Soziologie
  • Terminologie

Nach dem 4. Semester findet das erste Staatsexamen, das sogenannte Physikum statt. Das Physikum gliedert sich in einen mündlichen Teil und einen schriftlichen, der an zwei Tagen hintereinander gleichzeitig geschrieben wird. Insgesamt beinhaltet die Prüfung 600 Fragen aus allen vorklinischen Fächern in Form von Multiple Choice Fragen. Mündlich werden 3 Fächer abgefragt: Anatomie, Biochemie und Physiologie. Das Physikum wird später mit der spätere Examensnote verrechnet mit einem Gewicht von 1/3 (das Staatsexamen zählt 2/3).

Nach Bestehen des Physikums ist das 5. Semester erreicht und nun kann der klinische Teil des Studiums beginnen! Im klinischen Abschnitt fängt man an sich konkret mit Krankheiten und Therapien zu beschäftigen, was dann ja Hauptaufgabe im tatsächlichen Arztleben ist.

Ab der Klinik sind Fächer dran wie z.B.

  • Allgemeinmedizin
  • Anästhesie
  • Chirurgie
  • Dermatologie
  • Gynäkologie
  • Innere Medizin
  • Urologie
  • Rechtsmedizin
  • Neurologie
  • Pädiatrie
  • und viele mehr..

Also alles Fächer, in denen man auch später seine Facharztausbildung machen kann. Ab jetzt findet viel Unterricht in der Universitätsklinik statt. Dadurch hat man nun auch die Möglichkeit mit Patienten zu sprechen und diese zu untersuchen.

Vor- und Nachteile des Regelstudiengangs

Die vorklinischen Semester im Regelstudiengang sind ziemlich verschult und fordern eine Menge Durchhaltevermögen, da man zunächst ohne klinischen Bezug lernt und keinen Patientenkontakt hat. Da für viele der “klinische” Bezug nach zwei Jahren zu spät kam, versucht der Modellstudiengang diese klinischen Bezüge schon früh im Studium aufzugreifen. Vorteilhaft ist jedoch, dass die vorklinischen Fächer wie Anatomie, Biochemie, Physik etc. ausführlicher behandelt werden und damit das Grundverständnis für die spätere Klinik fundierter ist.

 

Der Modellstudiengang – Praxisorientiertes Lernen

Im Wintersemester 1999/2000 wurde an der Charité Berlin der erste reformierte Studiengang angeboten. Aus dem ersten sogenannte “Reformstudiengang” wurde durch einige Verbesserungen später der heutige “Modellstudiengang”. Früher konnte man sich noch zwischen Regel- und Modellstudiengang entscheiden. Mittlerweile bieten die Universitäten jedoch meist nur noch eine der beiden Studienform an. Wenn man also in einer bestimmten Stadt studieren möchte, ist die Studienform dementsprechend schon vorgegeben.

Studienorte Modellstudiengang

Momentan wird an folgende Universitäten in Form des Modellstudiengangs gelehrt:

  • Medizinische Hochschule Brandenburg
  • Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Universität Dresden
  • Universität Hannover
  • Universität Bochum
  • Universität Oldenburg
  • Technische Hochschule Aachen
  • Universität Hamburg
  • Universität Köln
  • Universität Witten/Herdecke
  • Universität Heidelberg/Mannheim
  • Universität Stettin

Studieren im Modellstudiengang

Der Aufbau des Studiums

An der Charité besteht der Modellstudiengang aus 40 Modulen, die jeweils einen Monat Unterricht umfassen. Gelehrt wird im Modellstudiengang nicht nach Fächern, sondern nach Organsystemen oder Themenkomplexen.

Jedes Semester ist in vier Module eingeteilt, von dem jedes Modul jeweils einem Oberthema zugeordnet ist. Module können z.B. “Atmung” oder “Interaktion von Genom, Stoffwechsel und Immunsystem als Krankheitsmodell” heißen. Alle Fächer, die für dieses Thema relevant sind, werden dann in dem jeweiligen Modul besprochen. Für das Modul Atmung würde man z.B. die Anatomie der Lunge kennenlernen, die Physiologie und Biochemie die dahinter steckt und typische Krankheitsbilder wie Pneumonie oder Asthma.

Die Modulreihenfolge ist so konzipiert, dass in den ersten beiden Semestern die Grundlagen besprochen werden und erst in späteren Semester komplexe Erkrankungsbilder gelehrt werden. Man fängt klein an: In den ersten Semestern steht vor allem die Zelle und Grundlagen der Biochemie und Physiologie an erster Stelle. Module heißen “Biologie der Zelle” oder “Signal und Informationssysteme”. Trotzdem hat man schon Patientenvorstellungen und Untersuchungskurse. Ab dem 3. und 4. Semester kommen dann die komplexeren Organsysteme ins Spiel: Alle Organsysteme werden in Ihrer Anatomie, Biochemie, Physiologie, Histologie, Pharmakologie und Pathologie besprochen. Auch der Präperierkurs beginnt mit dem 3. Semester.

Das Physikum entfällt

Das im Regelstudiengang übliche Physikum, welches nach dem 4. Semester abgeleistet werden muss, fällt in vielen Modellstudiengängen weg. Das ist für die Studierenden sicher erleichternd, wird aber von vielen Professoren kritisch gesehen, da dadurch der Druck sinkt, sich intensiv mit der Vorklinik zu befassen. Natürlich müssen dennoch nach jedem Semester Prüfungen abgelegt werden. Mir persönlich kam es allerdings nie so vor, als wäre die Vorklinik vernachlässigt worden. Man muss natürlich trotzdem Prüfungen ablegen nach jedem Semester, bloß nicht mehr in Form des Physikums.

Viel Unterricht in kleinen Gruppen

Neben den herkömmlichen Vorlesungen und Seminaren hat man viel Unterricht in Kleingruppen. Die Kleingruppen bestehen in der Regel für zwei Semester, dann werden neue Gruppen zusammengestellt.

Problem orientiertes Lernen (POL)

Ein Grundlegendes “Fach” ist das sogenannte “Problemorientierte Lernen (POL)”. POL ist eine Lerneinheit, in der die Studenten untereinander Lernziele aus klinischen Fallbeispielen erarbeiten sollen.

  1. Zum Anfang der Stunde wird jeweils ein klinischer Fall vorgestellt. Die Fallbeispiele sind meist reale Patientengeschichten.
  2. Nach Aktivierung des eigenen Vorwissen und Besprechung bezüglich des POL-Falls werden Lernziele für die nächste Lerneinheit festgelegt, die dazu Beitragen könnten den Fall zu lösen. Das Ziel dabei ist, Wissenslücken aufzudecken.
  3. Alle Studierenden müssen die Woche über die Lernziele bearbeiten.
  4. Am Ende der Woche findet dann die zweite POL-Sitzung statt, in der der Fall nun mit dem dazu gewonnenen Wissen gelöst werden soll.

Der Dozent sitzt der Sitzung immer bei, verhält sich aber zurückhaltend. Er ist sozusagen der Moderator. Falls die Studierenden auf der ganz falschen Fährte sind, kann der Dozent eingreifen. Der POL-Unterricht wird über ein Semester von dem selben Dozenten betreut.

Kommunikation Interaktion Teamwork (KIT)

Der KIT-Unterricht hat das Ziel, auf die kommunikativen Herausforderungen des Arztberufes vorzubereiten. Es werden wichtige Themen in der Kleingruppe besprochen wie z.B. “Wie teile ich einem Patienten eine schlechte Nachricht mit” oder “Wie reagiere ich, wenn der Patient aggressiv wird”. Die Studierenden bekommen in diesem Rahmen auch die Möglichkeit ein Anamnesegespräch mit einem Simulationspatienten zu führen. Dieser Simulationspatient ist normalerweise ein Schauspieler, der eine Patientenrolle übernimmt. Auch diese Einheit wird jedes Semester von immer dem selben Dozenten betreut.

Untersuchungskurs am Patienten

Im Untersuchungskurs werden ärztliche Fertigkeiten wie z.B. “Auskultation des Herzens” oder das Erheben eines “neurologischen Status” gelehrt. Am Ende des Studiums sollte man eine vollständige körperliche Untersuchung aller Organe durchführen können.

Regel- vs. Modellstudiengang

In den ersten Semestern übt man die Untersuchungstechniken wie z.B. das Abhören des Herzens zunächst an seinen Kommilitonen. Je nach Einschätzung des Dozenten kriegt man schon sehr früh die Möglichkeit zum Patienten zu gehen. In den späteren Semestern findet der Unterricht direkt am Patientenbett statt. Der Dozent führt dabei immer Aufsicht. Ab dem 7. Semester findet der Untersuchungskurs dann nunmehr ohne Aufsicht statt: Nachdem man den Patienten selbstständig untersucht hat, bespricht man die Befunde jedoch immer mit einem Arzt.

Vor- und Nachteile des Modellstudiengangs

Der große Vorteil des Modellstudiengangs ist der frühe klinische Bezug und frühe Patientenkontakt. Schon ab dem 1. Semester fühlt man sich in die Rolle des Arztes/der Ärztin ein. Es wird eine ganzheitliche Medizin gelehrt, die den Menschen und die Krankheiten nicht nur als eine Pathologie der Organe sieht, sondern auch immer als Ergebnis seiner biopsychosozialen Einflüsse.

Wenn man sich im Modellstudiengang einschreibt, sollte man sich allerdings darüber bewusst sein, dass es sehr schwer bis gar unmöglich ist an eine andere Universität zu wechseln. Diese Ortsgebundenheit ist einer der entscheidenen Nachteile des Modellstudiengangs. Im Regelstudiengang ist es um einiges leichter in eine andere Stadt zu wechseln.

Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass man häufig wechselnde Dozenten hat: Jedes Seminar und jede Vorlesung findet bei einem Dozenten vom Fach statt, was fachlich zwar einen großen Vorteil mit sich bringt, aber dazu führt, dass man nie eine richtige Beziehung zu einem Dozenten aufbauen kann.

Meine persönlichen Erfahrungen aus dem Modellstudiengang

Ich habe mich damals bewusst für ein Studium in einem Modellstudiengang entschieden. Die Aussicht schon in den ersten Semestern in Krankenhaus zu sein und mit Patienten Kontakt zu haben hat mich sehr gereizt. Ich habe die Entscheidung nie auch nur ansatzweise bereut, ich fühle mich vor allem in Sachen Kommunikation mit Patienten und praktischen Fertigkeiten sehr sicher durch das Studium.

Der Unterricht in Kleingruppen hat mir sehr geholfen früh Freunde zu finden. Vor allem am Anfang ist die POL-Gruppe ein wichtiger Bezugspunkt. Meine besten Freunde habe ich in meiner ersten POL-Gruppe kennengelernt.

Beruhigend ist für mich, dass nun die ersten Studierenden aus dem Modellstudiengang ihr finales Staatsexamen gemacht haben und sehr gute Ergebnisse zeigten. Die befürchteten Defizite in der Vorklinik haben sich nicht negativ auf das letzte Staatsexamen ausgewirkt.

Ich würde immer wieder im Modellstudiengang studieren. Ich kann aber auch verstehen, wenn es Menschen gibt, die die Vorklinik lieber en bloc lernen möchte, was sicherlich auch Vorteile mit sich bringt.

Lisa-Marie ist 24 Jahre alt und studiert Humanmedizin im 9. Semester an der Charité Berlin. Neben ihrem Medizinstudium arbeitet sie als freie Bloggerin für Prometheus und ist Expertin auf den Gebieten Medizinertests, Modell- und Regelstudiengängen sowie Bewerbungen aus dem Ausland.